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Pandemie in Deutschland: Gewappnet für den Corona-Winter?

Image: A museum in Germany fenced off from entry.

Pandemie in Deutschland: Gewappnet für den Corona-Winter?

Europa ist wieder im Lockdown. Seit letztem Montag auch Deutschland. Im Gegensatz zu vielen seiner europäischen Nachbarn ist der deutsche Ansatz ein „Lockdown Light“. Gastronomie- und Freizeiteinrichtungen mussten schließen, während der Einzelhandel weiterhin geöffnet bleiben hat. Kontakte im öffentlichen Raum wurden auf maximal zwei Hausstände und zehn Personen beschränkt, doch Ausgangssperren gibt es nicht. Werden diese Regeln helfen, um der erhöhten Virulenz im Winter Herr zu werden?

Deutschland ist bisher gut durch die Pandemie gekommen. Im Frühjahr begann die Krise hier später als beispielsweise in Italien oder Spanien. Die Regierung hatte Zeit, aus den Erfahrungen zu lernen und schnell zu reagieren. Durch das Handeln in einer frühen Phase der Epidemie in Deutschland konnte auch damals schon auf strikte Maßnahmen verzichtet werden. Das öffentliche Leben wurde weitestgehend heruntergefahren, allerdings gab es auch da keine Ausgangssperren. Das Treffen mit höchstens einer anderen Person im öffentlichen Raum blieb erlaubt. Die regelmäßigen Coronavirus-Updates von Christian Drosten, Leiter der Virologie der Charité Berlin, brachte viele durch das Schlimmste.

Bemerkenswert in der öffentlichen Debatte um das Virus in Deutschland wirkt auf mich die Anerkennung von Eigenverantwortung und die sachliche Auseinandersetzung. Es gibt kaum etwas beruhigenderes als Angela Merkels Pressekonferenzen zu folgen und wie sie die Bedeutung des R-Werts und des exponentiellen Wachstums erklärt. Der deutsche Philosoph Jürgen Habermas erklärte in einem Interview im Mai, dass Leben nicht Selbstzweck sei, sondern dass es ein “selbstbestimmtes und selbst zu verantwortendes” sein muss, auch in Zeiten einer Pandemie. “Es kann entwürdigende Situationen geben, […] unter denen eine Person wünscht, lieber tot zu sein, als ein solches Leben führen zu müssen. Aber […] eine Entscheidung dieser Art [kann] nur in erster Person, also vom Beteiligten selbst getroffen werden.” Die bloße Abschottung von Risikogruppen und Älteren ist damit nicht nur logistisch nicht machbar, sondern steht in Konflikt mit dem “würdigen” Leben und der deutschen Verfassung.

Schon Anfang Mai, kaum mehr als einen Monat nach dem Beginn des Lockdowns, gab es erste Lockerungen. Museen, Spielplätze und Geschäfte konnten wieder öffnen. Die Wirtschaft fing an, sich zu erholen. Viele gingen über den Sommer auf Reisen und verbrachten vergnügsame Abende zusammen. Die Zustimmung zu den Coronabeschränkungen bleibt weiterhin hoch. So ermittelte eine Umfrage des ZDF kurz vor Einführung des neuen Lockdowns, dass 54 Prozent der Bundesbürger die momentanen Maßnahmen für angemessen halten, bloß 14 Prozent für übertrieben. 30 Prozent fordern gar noch strengere Maßnahmen.

Jetzt berichtet Akshat Pranesh aus eigener Erfahrung über die Lage in Dresden und die Auswirkungen des neuen Lockdowns.

In Dresden hat sich das Leben mit Beginn des neuen Lockdowns deutlich verändert. Wenn ich morgens aus der S-Bahn am Albertplatz steige, ist der Anblick kaum wiederzuerkennen. Der Albertplatz ist immer das Herz der Neustadt gewesen. Normalerweise sieht man hier viele junge Menschen, die den Abend bei einem Bier oder zwei verbringen. Nun scheint alles anders. Die Unbeschwertheit des Sommers ist Vorsicht und Misstrauen gewichen. Die Alaunstraße, voll mit Kneipen, sieht leer und einsam aus. In der Dresdner Innenstadt gilt überall Maskenpflicht. Man sieht, dass die Menschen es schwer haben, sich an die neue Normalität zu gewöhnen, an die neuen Beschränkungen, an den Stimmungsmangel.

Dennoch haben die Dresdner ihren Elan nicht verloren.

Dennoch haben die Dresdner ihren Elan nicht verloren. Die Fitnessstudios und Kletterhallen mussten schließen, aber dafür laden die Elbe und das gute Wetter zu Spaziergängen und sportlichen Aktivitäten ein. Man sieht viele Fahrradfahrer und Läufer. Auch die jungen Menschen scheinen sich an die neue Lage gewöhnt zu haben. Man hält nun einfach mehr Abstand ein und trinkt Bier unter freiem Himmel aus der Flasche. Auch Imbisse sind weiterhin offen. Sehr zu empfehlen ist der Hallafel-Döner, eine Dresdner Spezialität mit Falafel und Halloumi, bestens geeignet für Vegetarier. Für Inder gibt es außerdem die Gelegenheit, ein paar heimatliche Gespräche auf Hindi zu führen, da auch der lokale indische Imbiss weiterhin geöffnet ist, was mich gut an das Essen zu Hause erinnert.

Ausgelassene Zeiten in Clubs, Bars und Restaurants scheinen lange her zu sein. Dennoch hat zumindest Dresden seine Stimmung nicht verloren. Es bleibt eine Großstadt geprägt von Inklusivität und Vielfalt, wo man sich fühlt, als würde man dazugehören. Der Dialekt braucht etwas Eingewöhnung für Nicht-Muttersprachler, ist aber ebenso wundervoll. Während Dresden von der ersten Welle weitgehend verschont blieb, entwickelt die Stadt nun eine neue Lebenslust in der Pandemie. Die Menschen lernen, die Schönheit ihrer Stadt und die Natur richtig zu genießen.

Obwohl die Lage schlimm ist und an der Substanz zehrt, herrscht überall die Stimmung, dass Weihnachten und glücklichere Zeiten nah sind, genauso wie der ersehnte Impfstoff. Bald haben wir es geschafft.

Trotz der sehr unterschiedlichen Erfahrungen in den europäischen Ländern scheint die zweite Welle vor keinem Land Halt gemacht zu haben. Werden die momentanen Maßnahmen reichen? Wird der Mangel an Pandemieerfahrung in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern die Maßnahmen beeinträchtigen? Viele deutsche Mitbürger kennen kaum jemanden, der von dem Virus betroffen war. Das Virus scheint vielen wie eine abstrakte Bedrohung. Wie sich die Zustimmung der Bevölkerung zu den Beschränkungen und die Pandemie selbst über die kommende Wintermonate entwickeln wird, bleibt ungewiss.

Eines scheint klar. Den Deutschen ist es bisher weitgehend gelungen, die Hoffnung zu bewahren. Obwohl die Lage schlimm ist und an der Substanz zehrt, herrscht überall die Stimmung, dass Weihnachten und glücklichere Zeiten nah sind, genauso wie der ersehnte Impfstoff. Bald haben wir es geschafft.

The Pandemic in Germany: Are they ready for winter?

Europe is back in lockdown, including Germany, since last Monday. In contrast to many of its European neighbours, the Germans have a different approach, implementing instead “Lockdown Lite”. All restaurants and leisure facilities have closed, while retail stores can continue to operate. Outdoor meetings have been restricted to two households, with a maximum of ten people, but no curfews remain in place. Will these rules help to combat the rising case numbers over the winter?

Germany has fared well in the pandemic so far – the crisis hit later than in Italy or Spain, giving the government time to learn from their experiences and react quickly. Acting early also meant that they were able to avoid strict rules – although public life was largely shut down, they managed to avoid imposing curfews, and continued to permit meetings of two people outdoors. The regular coronavirus updates from Christian Drosten (a German virologist, who became the ‘face’ of the outbreak for the country), the head of virology at Charite Berlin, brought many through the worst.

The remarkable thing about public debate on the virus in Germany, is the recognition of the individual’s responsibility and the focus on the science. There is little more comforting than watching Angela Merkel’s press conferences, where she explains the importance of the R-value and exponential growth. The German philosopher Juergen Habermas explained in May that life is not an end in itself, but that each is “self-determined and self-responsible”, even during a pandemic. “There may be degrading situations, […] in which one may prefer to be dead than lead such a life. But a decision like this can only be made in the first person, i.e. by the person involved.” The mere isolation of those at risk and the elderly is not only logistically infeasible, but also conflicts with the idea of a ‘dignified’ life and the German constitution. 

The easing of lockdown began as early as May, barely more than a month after the start of lockdown. Museums, playgrounds and shops were able to reopen, and the economy started to recover. Many travelled over the summer and spent evenings together joyfully. Public approval of restrictions remained high : a survey by ZDF (a public broadcaster), carried out shortly before the introduction of the second lockdown, found that 54 percent of German citizens consider the current measures to be appropriate, and only 14 percent believe they are excessive. 30 percent called for stricter measures to be put in place.

The following is a report of Akshat Pranesh’s own experience about the situation in Dresden and the effects of the new lockdown.

Lockdown has obviously changed life in Dresden. When I exit the S-Bahn at Albertplatz each morning, the sight is barely recognisable. Albertplatz has always been the heart of the Neustadt; usually, you would see young people passing their evenings here, enjoying a beer or two. Everything is different now. The lightheartedness of summer has given way to caution and distrust. Alaunstraße, a road full of bars, looks empty and lonely. In the inner city of Dresden, it is mandatory to wear a mask. You can see that people have a hard time getting used to the ‘new normal’, to the new restrictions, and the lack of atmosphere. 

Nevertheless, the people of Dresden have not lost their vigour.

Nevertheless, the people of Dresden have not lost their vigour. The gyms and climbing centres have had to close, but the River Elbe and lovely weather invite all sorts of sporting activities: there are plenty of cyclists and runners. Young people are also adjusting to the situation, keeping their distance from each other and drinking beer straight from the bottle. Snack stands are still open – my recommendation is the Hallafel-Doener, a speciality here in Dresden with falafel and halloumi (ideal for vegetarians!). For Indians there is also the chance to speak some Hindi, as the local Indian snack stand is still open, to remind me of food from home. 

Spending time in clubs, bars and restaurants seem like a long time ago. However Dresden has not lost its mood; it is still a big city, characterised by inclusiveness and diversity, where you feel like you belong. The dialect takes some getting used to for non-native German-speakers, but is just as wonderful. While Dresden was largely spared during the first wave, the city is now developing a new zest for life in the pandemic. People learn to really enjoy the beauty of their city and nature.

The Germans have so far managed to hold onto hope, despite the gravity and debilitating nature of the situation, there is a prevailing mood that Christmas and happier times are near, just like the long-desired vaccine. We’ll soon make it through.

Despite the very different experiences in European countries, the second wave does not seem to have stopped for any country. Will the current measures be enough? Will the lack of pandemic experience in Germany have an effect on the measures put in place? Many Germans hardly know anyone that has been affected by the virus, and as such it remains very much an abstract threat. How the population’s approval of the restrictions and the pandemic itself will change over the winter months, remains uncertain.

One thing seems clear. The Germans have so far managed to hold onto hope, despite the gravity and debilitating nature of the situation, there is a prevailing mood that Christmas and happier times are near, just like the long-desired vaccine. 

We’ll soon make it through.

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